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„Die Stimmung wird immer aggressiver“

Schiris im Fokus: „Die Stimmung wird immer aggressiver“

Sie sind unparteiisch, stehen aber oft im Kreuzfeuer der Kritik, wenn ein Spiel nicht so läuft, wie es laufen soll: Die Schiedsrichter sehen sich auch im Amateurbereich verbalen Attacken ausgesetzt, der Druck nimmt zu. Selbst der Freisinger Schiedsrichter-Obmann Benjamin Heigl stellt sich manchmal die Frage, „warum man sich das überhaupt antut“.

© Spanrad

Es macht nicht immer Spaß: Schiedsrichter, hier im Bild Johannes Zink, sehen sich immer öfter verbalen Attacken ausgesetzt.

Von Matthias Spanrad

Freising – Die Nachricht vom Selbstmordversuch des Bundesliga-Referees Babak Rafati Mitte November hat die deutsche Fußballszene erschüttert. Es kamen wieder Diskussionen über den psychischen Druck für die Unparteiischen auf. Viel wurde über die Ausmaße des Stresses spekuliert, dem die Schiedsrichter ausgesetzt sind. Auch die Regelhüter aus dem Landkreis stellen sich seit geraumer Zeit immer öfter die Frage nach dem Warum. Warum es auch im Amateurbereich immer schwieriger wird, Fußballspiele zu leiten. Denn auch in und um Freising herrscht nicht nur eitel Sonnenschein.

© SpanradEin junger Referee, der sich durchgebissen hat: Ramon Joachimstaller aus Gammelsdorf zählt zu den Perspektiv-Schiris im Landkreis.

„Leider gibt es auch bei uns seit zehn Jahren die Tendenz, dass die Stimmung rund um die Spiele immer aggressiver wird“, berichtet Schiedsrichter-Obmann Benjamin Heigl. Zwar sei es im Kreis Freising nicht so schlimm wie in München, wo es „jedes Wochenende drei bis sieben Spielabbrüche aufgrund tätlicher Angriffe auf den Schiedsrichter“ gebe, wie Heigl von Kollegen weiß. Auch sei im Landkreis noch kein Fall eines körperlichen Übergriffs auf einen Unparteiischen bekannt. „Es waren bisher immer nur verbale Attacken.“ Die nähmen aber langsam überhand. Die logische Konsequenz: „Wir müssen Angst haben“, sagt Heigl, „dass uns irgendwann einmal die Referees scharenweise davonlaufen.“
Damit das nicht geschieht, werden die Schiedsrichter im Landkreis ausgiebig auf derartige Situationen, in denen sie ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, vorbereitet. Bei den Neulingskursen, jedoch auch bei den Regelschulungen „gehen wir gezielt auf dieses Thema ein“, gibt Heigl einen Einblick in die Praxis. „Unser Lehrwart Ludwig Zistl hat da einige gute Sachen auf Lager. Er bereitet die Schiedsrichter sehr gut darauf vor.“ Heigls persönliche Lösung: Ist ein Kritiker mal allzu hartnäckig, „dann lade ich ihn einfach zum nächsten Regelkurs ein. Das hilft oft schon, damit Ruhe ist.“ Ein weiterer von den Schiedsrichtern gern verwendeter Spruch: Man gleiche sich als Referee einfach nur dem Spielniveau an.

Als traurig sieht es Benjamin Heigl an, dass die Störenfriede rund um die Fußballplätze mittlerweile aus allen sozialen Bereichen kommen. Der gutsituierte Rechtsanwalt schimpfe genauso viel wie der einfache Angestellte. „Bei den F- und E-Junioren sind vor allem die jungen Frauen ganz schlimm“, beschreibt der 34- Jährige das „Phänomen“ der „coachenden“ Spielermütter. Zudem würde es häufig nicht beim Schimpfen bleiben – das sei oft nichts für empfindliche Ohren: „Was unsere Schiedsrichter da Woche für Woche zu hören bekommen, das ist schon heftig“, klagt Obmann Heigl. Die Folge: Immer mehr Unparteiische quittierten den Dienst an der Pfeife bald wieder. Zwar seien, so Heigl, die Neulingskurse immer noch gut besucht. Jedoch würden – auch im Vergleich zu den vergangenen Spielzeiten – immer mehr junge Schiedsrichter relativ rasch das Handtuch werfen. „Die lassen es sich einfach nicht gefallen, dass man sie nur noch anpöbelt“, zeigt Heigl Verständnis für seinen Nachwuchs. „Das ist doch alles Amateurfußball, da geht es doch um nichts.“

Ob sich in den nächsten Jahren eine Veränderung einstellen wird, da ist sich Benjamin Heigl nicht sicher. „Das ist auch eine gesellschaftliche Sache.“ Überall gehe es aggressiver zu. Es werde immer mehr geschimpft, nur noch auf sich geschaut. Wünschen würde er sich deswegen mehr ältere Schiedsrichter, die mit der Sache souveräner umgehen könnten. Trotzdem: „Das kann einfach nicht sein“, ereifert sich Heigl. „Wir machen das ja alle nur in unserer Freizeit.“

Der Fall Babak Rafati ist ein warnendes Beispiel. Auch in der Schiedsrichter-Gruppe des Landkreises gab es vor etwa zwei Jahren bei einem Unparteiischen einen Selbstmordversuch. Es habe nichts mit Fußball zu tun gehabt, die Referees bewegte dieser Fall dennoch, so Heigl. Der Kollege überlebte, man kümmerte sich um ihn. Doch es blieb ein seltsames Gefühl zurück. „Ich würde das jetzt nicht Angst nennen“, meint der Obmann. „Aber manchmal fragt man sich schon, warum man sich das überhaupt antut.“

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